Sep 1, 2011 Aachen         Autor: Conscia - Gestaltpsychologische Beratung

Vathek (Buchrezension)
Fantastische Abenteuer oder vom wirklichen Reichtum

Die Suche nach dem ultimativen Kick, dem ganz Besonderen, dem immer Höher, Besser, Schneller, bringt selbst heute noch die absonderlichsten Ideen hervor. Nicht anders als vor 1001 Nächten, könnte man denken, wenn man Frank Sporkmanns freie Übersetzung des Romans Vathek liest. Als Vorlage diente ihm die Erzählung des weit gereisten, exzentrischen Engländers William Beckford, der diese 1783 verfasste.

Vathek erbt von seinem Vater ein Kalifat und beginnt seinen Weg als Gerechter, soweit dies in seinen Fähigkeiten liegt. Seine Untertanen sind voller Hoffnung, eine glückliche Regentschaft erleben zu dürfen. Vathek lustwandelt durch seine „Paläste der Sinne” und füllt die Tage mit unterhaltendem Kurzweil. Der Reichtum, der einerseits die Sinne belebt, lechzt andererseits nach immer mehr und immer anregenderer Befriedigung. Gleichzeitig stumpft die Genussfähigkeit durch die Masse des ständig vorhandenen, reichlichen Angebotes ab. Langeweile kommt auf. Ein Turm, der an den Himmel grenzt, wird gebaut.

Die Geschichte, voller kleiner und großer Abenteuer, zaubert dem Leser abwechselnd Erkenntnisse und Lächeln auf das Gesicht. Als jedoch eines Tages der Hässliche an den Hof kommt, vollzieht sich eine schicksalhafte Wendung: Ab da führt Berechnung zu Willkür und Irrsinn. Launige, profan wirkende Weisheiten und spirituelle Gräueltaten markieren den Weg des Kalifen und seiner Gefolgsleute. Am Ende steht der Fall direkt in die Unterwelt: „Damit verloren sie“, wie es im Text heißt, „das Außerordentlichste, was sie vom Himmel hätten empfangen können, nämlich Hoffnung.“

Frank Sporkmann scheint sich bei der Erzählung auf Nietzsches Worte zu beziehen: „Wozu die Welt da ist, wozu die Menschheit da ist, das soll uns einstweilen gar nicht kümmern, es sei denn, daß wir uns einen Scherz machen wollen; denn die Vermessenheit des kleinen Menschengewürms ist nun einmal das Scherzhafteste und Heiterste auf der Erdenbühne.“ So könnte es in Sporkmanns Fassung der „Unaussprechliche“ sein, der an Vatheks Hof Gott eliminiert und dem Vulgären und Trivialen zu Aufstieg verhilft. Diese Schreckgestalt steht, ganz im Sinne Nietzsches, gleichberechtigt neben dem Idealen und dem Schönen und stellt so das umfassende Mensch-Sein dar.

Der Roman zeichnet sich durch eine ungewöhnlich humorvolle Betrachtungsweise und eine bunte, metaphernreiche Sprache aus, die die opulente Geschichte auflockert. Nach kaum drei Seiten ist der Leser völlig in die exotische Welt eingetaucht, die ihn am Tanz um menschliche Stärken und Schwächen, Neugier und Gefallstreben, Erotik und lustvolle Zerstreuung, um Schönheit und Hässlichkeit, Gottesstreben und Schicksal teilhaben lässt.

Frank Sporkmann: Vathek, frei nach The History of Caliph Vathek von William Beckford, Aleph Verlag 2011, ISBN 978-3-936934-08-3, Preis: 15,55 Euro.
Sep 1, 2011 Aachen          Autor: Conscia - Gestaltpsychologische Beratung